Das Album
Es war im Jahre 1942, als ich im großen Malersaal des Troppauer Stadttheaters dem akademischen Maler und Bühnenbildner Herrn Professor Fritz Kruspersky gegenüber stand. Ich leitete damals eine Arbeitsgemeinschaft Kunst und Theater und bat ihn um fachmännische Beratung. – Er hörte sich meine Bitte interessiert an und sagte seinen förderlichen Beistand zu. – So kam es, dass wir mit unserer AG - Kunst des Öfteren zuschauen durften wie Bühnenbilder im Modell entstehen und große Kulissen zustande kommen und bemalt werden. Auch gestattete der Herr Professor, dass wir bei Beleuchtungs- und Generalproben ganz heimlich und ganz still und leise in der letzten Parkettreihe des Troppauer Stadttheaters hocken und zusehen durften. Er wurde für uns eine liebenswürdige Ansprechperson. In seinen Vorträgen führte er uns gekonnt, interessant und auch humorvoll an Kunst und Kultur und Theaterwelt heran, dass es eine Freude war, zuzuhören und eine großartige Bereicherung obendrein. Als das jährliche Sportfest fällig war, an dem auch unsere Gymnastikgruppe ihren Beitrag leisten sollte, wurde beschlossen, dass Aufnahmen in freier Natur gemacht werden sollten, um sie dann in Schaukästen der Stadt auszustellen. Sie sollten als Werbung für das sportliche Ereignis gedacht sein. Der Herr Professor erfüllte unserer AG den Wunsch, diese Fotos künstlerisch zu gestalten. Mit Bällen, Reifen und Keulen bewaffnet, fuhren wir mit unseren Rädern an die Mohra, wo inmitten herrlicher Natur schönste Aufnahmen entstanden, eben künstlerisch gekonnt.

Das wurde ein gemütlicher Nachmittag und Abend. Wir schwammen noch in der Mohra, waren in Gespräche vertieft und radelten anschließend vergnügt wieder heim.
Eine Woche später erlebte ich in meinem Büro eine freudige Überraschung. – Auf meinem Schreibtisch lag ein Fotoalbum. Die Vorderseite mit einem weißen, grob gewebten Leinenbezug bespannt, mit roten Zierstichen
umgeben und die Rückseite in rot gehalten. – Sehr schön anzusehen. Und ebenfalls die Fotos von unserem Mohra-Arbeitsausflug, hauptsächlich auf meine Person bezogen. Ein Geschenk von Herrn Professor Kruspersky. – Ich freute mich riesig darüber und bedankte mich umgehend für diese Überraschung. Das war, wie schon erwähnt, 1942 und das Album liegt wieder vor mir – oder – immer noch – wie man es auch sagen könnte. Am 8. September 1944 schenkte ich es meinem Mann. Es war der Tag unserer Verlobung. Wir befanden uns im 2. Weltkrieg, mein Mann war Berufsoffizier und das Album ging mit ihm auf eine lange, weite Reise. Nachdem wir am 12, April 1945 auf dem Truppenübungsplatz in Döllersheim bei Wien, geheiratet hatten, wurde er mit dem Regiment zu General Schörner in den Raum Olmütz abberufen und kam dort mit all seinen Männern in russische Gefangenschaft. Von dem Album hat er sich trotz gefährlichen, riskanten Situationen niemals getrennt. Es begleitete ihn auch 5 Jahre lang auf dem dornenreichen Weg durch die russischen Straflager und war ihm, wie er es immer wieder betonte, eine große Hilfe zu überleben und zu hoffen. – So kam es, dass er 1950 entlassen wurde und das Album tatsächlich nach Deutschland mit durchgebracht hat. Es war ein Wunder und für uns beide von ganz besonderem Wert. Für mich auch deshalb, weil ich auf der Flucht alles verloren hatte und kein einziges Andenken an zuhause besaß. Nun hatte ich wieder eines und hüte es liebevoll bis zum heutigen Tag. 1966 starb mein Mann an den Folgen schwerer Kriegsverletzungen und der Gefangenschaft. – Das Album kam wieder zu mir zurück …....
Nach einigen Jahren, als ich wieder einmal darin blätterte, überlegte ich, ob wohl unser Professor Kruspersky noch lebte und begann nach ihm zu suchen. Und siehe da, ich wurde fündig – und zwar in Passau. Es vergingen Monate, bis ich mich endlich aufraffte und einen langen Brief an den Professor schrieb. – Es sollte ein besonderer Brief werden und er wurde es auch – zur rechten Zeit, am rechten Ort und mit ungeahnter Bedeutung. Ich ließ die Troppauer Zeit Revue passieren, bedankte mich nochmals dafür, dass er uns jungen Menschen geholfen hat die Kunst zu verstehen, den Weg durch das Tor zu den schönen Künsten aufzeigte. Musik, Malerei, Literatur und Theater als Realität gebo-ten zu bekommen, hat die meisten von uns sehr beeindruckt, geformt und ein Leben lang begleitet. – Dann berichtete ich auch von dem weit gereisten Album und schlug vor, es bei einer eventuellen Begegnung nach Passau mitzubringen. Zu dieser Begegnung kam es tatsächlich nach längerer Zeit wäh-rend einer Ferienreise mit meiner Tochter. Auf meinen Brief erhielt ich eine umgehende Antwort von der Tochter des Professors. Das wiederum waren Zeilen, die ich mehrmals lesen musste, weil sie mich doch sehr berührten und einmal mehr darüber staunen ließen, wie das Leben so spielt. Ich er-fuhr, dass ihr Vater sehr krank an Leib und Seele war. Er konnte den Tod seiner geliebten Frau nicht verkraften, hatte keinen Lebensmut mehr und einen gebrochenen Lebenswillen. Dementsprechend war seine gesundheitliche Verfassung und sein Wunsch allein zu sein. Keine Medizin half aus diesem Tief. Als seine Tochter kam, um ihn zu versorgen, lag mein Brief da und ihr Vater war wie verwandelt. Es ergaben sich lange Gespräche zwischen beiden und ein Hauch von Lebensfreude und Zuversicht war zu spüren. Es gab also noch Menschen, die sich erinnern und bedanken für Dinge, die man nicht kaufen kann.
Die Saat ist aufgegangen, die Ernte kommt in Deine Hände zurück auch wenn es oftmals Jahrzehnte dauert. Allein was zählt auf dieser Welt, bekommt man nicht für Geld.
Wie zum Beispiel das Treffen in Passau, das gemeinsame Blättern in dem besagten rot – weißen Album, den Spaziergang durch die Stadt Passau bis zum Dom, wo er den ” Jedermann” inszenierte und ausstattete. Er erzählte von seinen Ausstellungen, den Kreuzwegen, die er malte und beschenkte mich reichlich mit Katalogen aus dieser Zeit.
Ein alter Kontakt war wieder hergestellt. Brieflich und telefonisch hielt er stetig und ununterbrochen bis zum Tode des Prof. Kruspersky , nach mehreren Schlaganfällen in einem Altenheim in Passau.
Sein Album hat ihn überlebt. Es ist inzwischen 64 Jahre alt und wird immer noch gerne angesehen und bewundert. Es hat gute Dienste geleistet. Es hat zwei Menschen aus der Dunkelheit ans Licht verholfen, Grund genug, seine Geschichte erzählt zu haben.
Statistiken
Liebe Teka,
Ihre so persöniche Geschichte hat mich sehr gerührt. Besonders, da meine Großeltern aus Troppau stammen und auch sie auf der Flucht alles verloren haben.
Herzlichen Gruß
S. Wolf
Kommentar on Sonntag, 13.08.2006 @ 11:15 pm