Teka von Troppau

Die Macht des Schicksals und die Ohnmacht des Menschen

28 Mai 2006

Eine Familiengeschichte

Wir Zeitzeugen, am Rande eines auslaufenden, langen Daseins, haben viel erlebt und daher auch vieles zu berichten.
Wenn man das 80. Lebensjahr überschritten hat, reicht die Erinnerung an Begebenheiten sogar bis nach dem 1. Weltkrieg zurück.

Man sagt, dass jede Begegnung mit einem Menschen einen Sinn hat und der Zufall eine Rolle spielt. Sicherlich kann man darüber geteilter Meinung sein, jedoch etwas Wahres ist dran, denn das bestätigen persönliche Erfahrungen immer wieder. So auch die meine, von der ich nun erzählen will.
Man schrieb das Jahr 1924, als mein Großvater noch Beamter in der Rechnungskanzlei der Güterabfertigung bei der k.u.k. Nordbahn in Troppau war. Kurz danach wurde er entlassen, weil 1918 aus Böhmen, Mähren und dem österreichischen Schlesien die Tschechoslowakei wurde und so nach und nach alle Ämter und Posten von Tschechen eingenommen wurden. Aus der k.u.k. Nordbahn wurde der Ostbahnhof und mein durch und durch kaisertreuer, österreichischer Großvater war nun seines Amtes enthoben.
Jedenfalls stand im Sommer 1924 ein armer, einsamer Soldat in einer abgerissenen, verschmutzten Uniform ratlos auf dem Bahnhof herum und wusste nicht weiter. Als ihn mein Großvater fragte, wohin er denn wolle, wusste er es nicht. Er war aus Polen, kam aus der Kriegsgefangenschaft, fand bei sich zuhause niemanden mehr vor und war nun in Troppau gelandet. Er hieß Franz Drzymala und Großvater brachte ihn mit zu uns nach Hause. Da wurde er erstmal verpflegt, bekam die Möglichkeit, sich wieder menschlich zu gestalten und für notwendige Kleidung wurde ebenso gesorgt.
Nun musste eine Arbeit gefunden werden. Als es sich herausstellte, dass er Bäcker und Zuckerbäcker war, erinnerten sich meine Großeltern an eine verwitwete Frau Beinhauer, auf der Lastenstraße Nr. 41, die einen ganz kleinen Laden hatte und mit einem Handeisen Waffeln und Oblaten herstellte, die wir stets gerne aßen und immer bei ihr kauften.
Dort wurde angefragt, ob sie einen Gehilfen gebrauchen könnte, erstmal nur für Kost und Quartier, dafür wäre er schon dankbar und würde gerne arbeiten. Und so geschah das Wunder – er durfte kommen und wurde eingestellt.
Wie das Leben so spielt …...
Er heiratete die Witwe Beinhauer, machte aus dem winzigen, kleinen, schmalen Laden eine gut gehende Waffelfabrik mit modernsten Maschinen und schönsten Verpackungsmöglichkeiten. Es gab Waffeln in verschiedensten Formen mit köstlichen Füllungen. Längliche Engelbertschnitten mit Nussfüllung und Schokoladenüberguss, Dreiecke und Rundoblaten in Stanniol mit Banderolen blau bedruckt mit dem alten Firmenzeichen – „Josef und Anna Beinhauer”.
In wenigen Jahren beschäftigten sie 20 Arbeiter und 3 Büroangestellte. Es waren meist tschechische Troppauer Bürger.
Frau Anna Beinhauer Drzymala stammte aus dem Hultschiner Ländchen und hatte beachtliche Schwierigkeiten mit korrektem Deutsch. Aber das störte damals keinen, man sprach ja beide Sprachen und die Verständigung war allemal kein Problem.
Bissl Böhmisch – bissl Deutsch, hieß es damals und schon verstand man sich. Soweit der erfolgreiche Firmen – und Betriebsverlauf.
Und nun zum persönlich Privaten.
Aus dieser anfänglich beschriebenen Begegnung entwickelte sich nämlich eine zwanzigjährige, intensive, herzliche Freundschaft bis zum bitteren Ende 1945.
Die gegenseitigen Besuche gehörten allmählich zum wöchentlichen Ritual, so wie die sehr oft gemeinsam verbrachten Wochenenden. Ich war damals 6 Jahre alt, begann in die Schule zu gehen und war meistens mit von der Partie. Seit meinem zweiten Lebensjahr war ich Vollwaise und wuchs bei meinen Großeltern auf.
Mein Vater war k.u.k. Offizier und meine Mutter Operationsschwester an der Isonzo Front. Beide starben an den Folgen des 1. Weltkrieges.
Im Hause meiner Großeltern wurde ich liebevoll behütet und groß gezogen und überallhin mitgenommen. Es war die Zeit, als man im frühen Kindesalter bereits beigebracht bekam, was Anstand, Bescheidenheit und Respekt bedeuten, dass ein Junge eine kleine Verbeugung, einen Diener und ein Mädchen einen Knicks zu machen hatte. Dass man eine Dame mit Handkuss begrüßte, war auch für uns Kinder eine Selbstverständlichkeit. Die heutige „Bussi-Bussi“ Gesellschaft mit ihren lockeren Gepflogenheiten wäre undenkbar gewesen und als unmöglich bewertet worden.
Ja, so ändern sich die Zeiten in mehreren Jahrzehnten. Damals kam auch ich in den Genuss, bei Beinhauers aus und ein zu gehen, was ich damals sehr interessant fand, denn da gab es viel zu sehen und zu erleben. Eindrücke, die mir bis heute noch sehr gegenwärtig sind.
Eine Bestätigung für die Behauptung, dass eindrucksvolle Kindheitserlebnisse lebenslange Begleiter bleiben. Inzwischen war die Firma Beinhauer, dank der Tüchtigkeit ihres Chefs stetig vergrößert worden und gelangte durch gute Qualität und immer neue Ideen zu einer gewissen Popularität und Anerkennung und ebenso zu einem beachtlichen Wohlstand. Das Haus Lastenstraße 41 wurde ausgebaut und modernisiert. Man lebte in einer eleganten Wohnung mit Badezimmer, was zur damaligen Zeit als luxuriös zu bezeichnen war. Es gab ein Herrenzimmer mit einer Sitzgarnitur aus Leder, die ich immer wieder als unangenehm und kalt empfand, wenn ich darauf platziert wurde. Über dem Schreibtisch hing ein riesiges Bild, auf dem eine gepanzerte, schöne Frau mit langen, blonden Locken, die unter dem Helm hervorquollen, und einer Waffe in der Hand zu sehen war. Dieser Frau saß ich oft stundenlang gegenüber. Da mich die Gespräche der Erwachsenen überhaupt nicht interessierten, versuchte ich mir vorzustellen, was diese Dame wohl vorhaben möge, gegen wen sie zu kämpfen gedenkt und wer sie wohl sei ? ? ?
Das jedoch konnte mir leider keiner erklären. Sie hängt eben einfach nur so da, weil das Bild schön ist – fertig. So einfach war die Auffassung und die Antwort. Dann gab es anschließend ein schönes Esszimmer im Biedermeier – Stil, welches durch eine Glastüre von dem blauen Salon getrennt war. Dieser hatte es mir aus vielerlei Gründen besonders angetan. Es war eine barocke Pracht. Sessel und ein einladendes Sofa waren mit blauen Seidendamast Bezügen versehen. Die Vitrine mit kostbarem Porzellan bestückt, Tisch und Kommode eine Au-genweide.
Aber das Interessanteste war ein verschließbarer Plattenschrank mit einem Plattenspieler obendrauf. In diesem Hause liebte man Musik und Gesang! Daher war auch alles, was das damalige Herz begehrte, an Opern, Operetten, Arien und natürlich alle Wiener Lieder vorhanden. Für mich eine Schatzkiste, die ich im Laufe der Zeit selbst bedienen und abspielen durfte. Allmählich kannte ich fast alles und das Meiste auswendig. Benjamino Gigli mit seinem Lied “Vergissmeinnicht”, Josef Schmidt mit seinem “Ein Lied geht um die Welt”, Willi Forst mit “Ich küsse ihre Hand Madame”, u.s.w. Die Platten von den Opernstars und berühmten Sängerinnen waren vorhanden. Von Lotte Lehmann, Fritzi Massari, die Jeritza, dann Toscanini, Strauß und viele andere.
Unmöglich, alle aufzuzählen. Die Texte der Wiener Lieder kann ich heute noch auswendig. Auch vieles andere ist immer noch abrufbereit. Welch eine glückliche Fügung war diese Begegnung mit dem Plattenspieler. Zu dieser musikalischen Begleitung wurde viel gesungen. Das Lieblingslied meines Großvaters war das Wiener Fiakerlied. Es wurden alle Gelegenheiten, die zum Feiern Anlass gaben, gerne wahrgenommen. Ganz besonders natürlich Geburtstage, Ostern und Weihnachten. Als Weihnachtspräsent bekam Frau Beinhauer jährlich von der Firma Stollwerk eine traumhaft schöne Bonboniere in herrlichen Seidenschachteln verpackt. Wenn ich mir daraus eine der Köstlichkeiten aussuchen durfte, war es stets wie einen Blick ins bunte Märchenland zu tun. Wahrscheinlich rührt meine Vorliebe für schöne, kunstvolle Schachteln bis heute daher.
Es war eine schöne, harmonische Zeit, eine Freundschaft, wie sie vollendeter nicht sein konnte. – Im Herbst machten meine Großmutter und Frau Beinhauer Drzymala immer ihre Traubenkur in Meran. Traubenkur in MeranIn dieser Zeit, wenn beide Damen kurten, verreisten natürlich auch die beiden Herren. Das wurden dann auch meist Überlandpartien, die noch bis in den Winter hinein für amüsanten Gesprächsstoff sorgten! Da wurde erstmal der wichtigste Mann beordert und das war Herr Matzek, Chauffeur seines Zeichens, mit dem Auto vor der Türe. Ein Tatra, der zwischen den hinteren Sitzen noch einen kleinen Klappsitz hatte, auf dem ich oft mitgenommen wurde, wenn die Fahrt ins Altvatergebirge ging.
Nun aber fuhren erstmal die beiden “Freiherren” in die schöne, weite Welt. Meist nach Kärnten od. Tirol, jedenfalls in die Berge, an die Seen, wobei bei einer Kahnfahrt aus erklärlichen Gründen auch mal der Kahn umkippte und der gute Herr Matzek als Schutzengel und Lebensretter fungieren musste. Ohne diesen Schutzengel wären sie sowieso nicht weit gekommen, denn keiner der beiden Herren hatte einen Führerschein oder konnte das Auto lenken. Wozu auch ? Man hatte ja einen Chauffeur! So nahmen die beiden, alten Freunde jede Gelegenheit wahr, ihre verpassten, jugendlichen Dummheiten eben jetzt, verspätet ausgiebig nachzuholen .Meist in kurzen Lederhosen und bester Laune mit samt dem Herrn Matzek, der treu alles mitmachte. Matzek gehörte schon fast mit zur Familie. Der Chef des Hauses legte immer größten Wert auf ein gutes Arbeitsklima, menschliche Nähe und Verständnis für seine Arbeiter. Ebenso auf Betreuung und Hilfe in Notfällen, denn er wusste nur zu gut, was Not und Elend für eine Bedeutung haben.
Aus einer gewissen Not herausgeholt wurde auch eine entfernte Cousine meines Großvaters, die in Niklasdorf lebte und sich mit zwei Schwestern kümmerlich mit dem Nähen von Lederhandschuhen ernährte. Sie hieß Emma Gröger und war viele Jahre als Haushälterin bei Beinhauers eine sehr geschätzte Hilfskraft.
Als wir das Jahr 1938 schrieben, das Jahr des Einmarsches der deutschen Truppen ins Sudetenland nach Troppau, begann für die Firma eine etwas heikle und schwierige Situation, denn Herr Drzymala beschäftigte hauptsächlich tschechische Arbeiter. Diese zu schützen und weiterhin zu beschäftigen, war nun nicht einfach. Durch langwierige Gespräche mit der neuen Obrigkeit, durch geschickte diplomatische Verhandlungen und Zusagen gelang es ihm, die gesamte alte Besatzung weiter beschäftigen zu können. Ebenso die Prokuristen im Büro.
Diesen Status hielt er tapfer aufrecht, bis im Mai 1945 Troppau von den Russen besetzt und wieder zur Tschechoslowakischen Republik umfunktioniert wurde. Nun hatten die Tschechen wieder die Macht und die Oberhand. Sie revanchierten sich auf ihre feine, unnachahmliche Art ….......
Ihr langjähriger Chef wurde sofort abgesetzt, aus seiner Wohnung verjagt und mit Frau und Emma ins Portierzimmer neben der Eingangstüre gepfercht. Dort mussten sie erstmal vegetieren und ihr Schicksal abwarten.

Meine Großeltern konnten nicht helfen, denn sie waren inzwischen in offene Viehwagons verfrachtet und vertrieben worden. Der Transport landete in Berlin. Todkrank und fast verhungert starb meine geliebte Großmutter auf den Steintreppen der Nervenheilanstalt in Berlin Wittenau, wo alle Flüchtlinge ausgelagert wurden. Sie wurde in einem Papiersack beerdigt. Ein Schicksal von vielen zur damaligen Zeit. Das Schicksal des alten Freundes Franz Drzy-mala war, dass er täglich seinen Fabrikhof sauber kehren musste.
Seine Frau Anna und auch Emmi Gröger wurden von den Russen schändlichst vergewaltigt. Frau Beinhauer wurde daraufhin wahnsinnig und endete in der Nervenheilanstalt in Troppau. Wo Emma starb, weiß ich leider nicht.
Ebenso ist mir unbekannt, wo der aufrechte, gute alte Freund meines Großvaters begraben liegt. Ich hätte so gerne eine Blume auf sein Grab gelegt.
Er hätte es verdient.
Anstelle der Blumen habe ich eben seine Geschichte geschrieben, die sich zwischen zwei Weltkriegen abspielte und nicht vergessen werden soll. Wahrscheinlich bin ich auch die letzte Zeitzeugin dieser beschriebenen Ereignisse.
Meinen lieben Großvater durfte ich noch bis zu seinem 82. Lebensjahr begleiten. Er starb 1952. Leider konnte ich ihm seine beiden Urenkel nicht mehr in den Arm legen. Auch sie sind Kinder eines preußischen Offiziers, der an den Folgen des 2.Weltkrieges gestorben ist. Wie sich doch alles mit konstanter, schöner und auch grausamer Regelmäßigkeit wiederholt! Mir persönlich schenkte der Herrgott die Jahre, um über gute und schlechte Zeiten des gelebten Lebens zu berichten.
Dafür bin ich unendlich dankbar und erfüllt mit großem Respekt vor der Macht des Schicksals.

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