Die Frau am Fenster
Eine Ballade aus unserer Zeit
Eine Frau sitzt am Fenster und schaut hinaus.
Die Schneeflocken fallen hernieder.
Die Dämmerung kommt, es ist einsam zuhaus
und die Zeiten kehren nicht wieder,
als Kinderlachen die Räume erhellt – die Familie war glücklich vereint.
Doch mitten ins Glück hat der Krieg sich gesellt,
der hat alles Gute verneint. – So fand sie sich wieder als Mutter Courage
auf der Straße zum goldenen Westen.
Man sagt ihr, dass es sich überleben lässt
und das wäre dort noch am Besten.
Ade, alte Heimat – der Abschied tut weh,
die Macht dieser Welt hat entschieden. – Nun heißt es, dreh’ dich nicht um und geh’ !
Bist hier nicht erwünscht – wirst gemieden …
Und sie ging und ging bei Tag und bei Nacht
durch Flüsse, über Grenzen ins Tal.
Als endlich am Ziel dann die Sonne schien,
war verbraucht ihre Kraft – nach der Qual.
Sie lag nun drei Jahre im Krankenhaus,
sah immer ins Morgenrot.
Ihr Mann in Sibirien – nun schien alles aus – Sie beide auf Leben und Tod. –
Eine Frau sitzt am Fenster und schaut hinaus,
die Schneeflocken fallen hernieder.
Es siegte das Leben – Das Leiden ist aus.
Nach sechs Jahren seh’n sie sich wieder.
Sie sind bettelarm – weder Gut noch Geld.
Doch das ist nicht alles im Leben.
Was zählt, ist die Liebe auf dieser Welt
und die Treue, die sie sich geben.
Sie bauten ihr Heim auf, voll Freude und Glück.
Solide und schön sollt es sein.
Da kamen die dunklen Wolken zurück – die Vergangenheit holte sie ein.
Der Krieg und die Folgen fordern Tribut.
Als ob es nicht schon genügte – sie hatten zu zahlen – da half kein Mut.
Der Tod – er kam, sah und siegte …..
Und der Preis war hoch – konnte höher nicht sein.
Er kostete ein Leben.
Mehr kann wohl keiner auf der Welt dem Vaterlande geben. – Die Frau ging stumm vor Schmerz und Pein,
zwei Kinder an den Händen,
fragende Augen – und noch so klein.
Wie soll das einmal enden?
Die Angst war groß und groß das Leid.
Man begrub den Vater zur Weihnachtszeit.
Eine Frau sitzt am Fenster und schaut hinaus,
die Schneeflocken fallen hernieder.
Es liegt Jahrzehnte schon zurück – Erinnerung kommt wieder.
Die Zeit ist vergangen – die Wunden verheilt.
Die Kinder sind längst aus dem Haus.
Man fragt sich, WER da so die Karten verteilt,
eh’ man sich versieht – ist es aus.
Je älter wir werden, je schneller vergeht
die Zeit, die uns bleibt – zu verleben.
Die Frau an dem Fenster war immer bemüht,
einen Sinn diesem Leben zu geben.
Trotz aller Gefahren – die Welt ist so schön.
Es gibt nicht nur böse Gestalten.
Man muss nur geneigt sein, das Schöne zu sehn
und positiv zu erhalten.
Eines Tages, da taut der Schnee und Frühling wird’s wieder geben.
Die Sonne ist stärker – und unter dem Schnee
wird prachtvolles Leben sich regen.
Eine Frau sitzt am Fenster und schaut hinaus.
Wie ein Strom fließt Ihr Leben vorbei.
Von der Quelle zum reißenden Fluss bis zum Meer – als ob es gestern sei – - – Da weckt sie das Läuten an der Tür aus ihren Gedanken auf.
Die Kinder zu Besuch sind hier – DAS ist des Lebens Lauf.
Sie ist glücklich und freut sich – nun sind alle da.
Da ertönt im Radio – die Moldau –
von Smetana ….
geschrieben im November anno 1987 in Rinteln an der Weser
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