Teka von Troppau

Der Frühling meines Lebens Teil 2

25 Aug 2005

Schön war meine Jugendzeit im alten Troppau – Manch einer wird sich mit erinnern –
2. Teil

An Peter und Paul werden die Kinder faul. Ferien standen bevor! Die heiß ersehnten Ferien verbrachte ich meist mit meinen Vettern und Basen, bei Tante Ottilie und Onkel Josef auf dem Lande in Niklasdorf. Sie bewohnten ein altes Bauernhaus von Feldern und Wiesen umgeben. Der kleine Bach, von hohen Grasrändern umstanden, war unsere ganze Seligkeit. Wir konnten nach Herzenslust toben, hatten Narrenfreiheit und nutzten sie auch. Langweilig war es nie. So hautnah in der Natur zu leben ist einfach wundervoll, weil die Natur ja voller Wunder steckt. Es gab so vieles zu entdecken, zu bewundern, zu. begreifen. Wir lernten jeden Grashalm als kleines Kunstwerk zu betrachten, die Tiere zu lieben und entsprechend mit ihnen umzugehen. Wir lernten Respekt vor der Natur zu haben, in ihr und mit ihr zu. leben und sie zu lieben.

Das einfache Leben auf dem Lande war herrlich, ganz: anders als in der Stadt. Eine Butterschnitte mit Olmützer Quargel darauf und einen Becher Milch, alles direkt vom Erzeuger ohne Zwischenhandel saßen wir draußen hinter dem Hause am roh gezimmerten Tisch in der Sonne, schnabulierten und waren die glücklichsten Kinder der Welt. Ohne Zwänge, ohne Sorgen, ohne Probleme. Schmetterlinge, Maikäfer, Fliegen, Hummeln alles flog uns um die Ohren, und im Bächlein fingen wir mit bloßen Händen Fische und Frösche, um sie zu betrachten und wieder freizulassen. Aufregend war es auch, abends die Glühwürmchen zu beobachten. Sie wurden gezählt und jeder wollte natürlich die meisten gesehen haben. Goldene Kindheit! Oh, du herrliche Jugendzeit!

Da es unvermeidlich war, dass das Kind heranwuchs und nicht so ganz weltfremd ins Leben stolpern sollte, beschloss die Familie eine Bildungsreise für den Backfisch! Mein geliebter Großvater fasste sich zuerst ein Herz und dann mich, und so gingen wir „zwei beide“ auf große Fahrt! Die Bäder wollte er mir zeigen. Karlsbad, Marienbad, Franzensbad und Eger war die Reiseroute. Wir beide verstanden uns, wie immer, blendend! Er war rührend bemüht, mir alles Schöne und Sehenswerte nahe zu bringen und zu erklären. Beim alten Herrn Wallenstein in Eger waren seine Kräfte arg strapaziert und wir schlugen unser letztes Lager vor der Heimreise hier auf. Schön war’s, danke Großpapa!

Voll gestopft mit Erlebnissen und erhebenden Eindrücken dieser „vornehmen, großen, weiten Welt“ landeten wir schließlich wieder in unserem guten alten Troppau. Später reisten wir noch oft miteinander nach Prag und nach Wien. Besonders gerne fuhr er nach Wien. Es war dann eine Reise in seine Vergangenheit, an der ich teilhaben durfte. Hier lebte er früher, und hier in Wien lernte mein Großpapa meine Großmama kennen und lieben, bevor sie sich dann letztlich in Troppau ihr „Nest“ bauten.

Der Ernst des Lebens begann wieder. Die Schule fing an. Im Frühjahr nahm ich den Schulweg durch die Anlagen, ab Herbst durch die Stadt. Am Gymnasium vorbei über den Schößlerplatz, durch die kleine enge Spitzgasse. Nach Überquerung der Herrengasse entlang des Zentralbades durch die Fleischergasse zum Oberring. Am Schmetterhaus vorbei rüber zum Theater. Es ist viertel vor acht, nun aber Tempo! An Nettys Geschäft vorbei, Messerschmied Hahn, weiter geradeaus Richtung Fiedor. War ich einmal auf der Olmützer Straße schaffte ich auch die paar Ecken bis zur Schule noch spielend. Also, anderer Weg, andere Gesichter, das Spiel begann von neuem.

Wichtig war das Bio Elektra Kino. Der Nachmittagsunterricht war oft eine Viertelstunde zu lang. Man verpasste den Anfang des Filmes. Im Laufschritt ging es dann die Treppe abwärts ins Kino. Und wieder saß fast die halbe Klasse in einer Reihe zusammen! In der Billigsten, ganz vorn versteht sich! Man musste ja seine Groschen einteilen. Die Schule war teuer genug, und der Konditor Weihrich an der Ecke war sehr verführerisch! Aber beides ging nicht. Kino oder Kondi? Also was?

Jetzt war die Schule groß geschrieben! Ein Jahresereignis stand bevor. Die jährliche Modenschau! Ach, du lieber Gott, was für eine Aufregung! Nun waren wir dran! Alles, was wir gelernt und fabriziert hatten, musste vorgeführt werden. Mit unseren Zeichnungen wurden die Wände geschmückt, mit Teppichläufern die Treppenaufgänge belegt und mit grünen Pflanzen verschönt. Wir mussten erstmals „schreiten“ lernen! Das lässige Dahingehen unterlassen! Unsere selbstgenähten Röcke, Blusen, Kleider, Mäntel, Kostüme, Morgenröcke und Abendkleider sollten elegant und würdig präsentiert werden, wie es sich geziemt. Und es wurde gut vorgeführt, denn jeder nahm sich bestmöglichst zusammen. Waren doch Eltern und Verwandte, Honoratioren der Stadt geladen und am Schlimmsten, es kamen auch unsere Tanzstundenherren, Realschüler, Gymnasiasten und einige andere junge Herren, um ganz verstohlen ein Auge auf unsere Modelle zu werfen. Wie beglückend, wenn man aus der einen oder anderen Ecke ein Blumensträußchen gereicht bekam! Welch ein aufregendes Erlebnis!

Die Theatersaison begann und der Bummel fand längst wieder am Oberring statt. Nun galt es wieder bloß nichts zu versäumen! Die meisten Theateraufführungen waren ausgezeichnet. Man sollte sie gesehen haben, man muss ja schließlich etwas für seine Bildung tun! Lesen müsste man auch noch dieses oder jenes Buch, von dem man gerade spricht. Dann kommt noch Joseph Keilbert mit seinen Prager Philharmonikern gastiert im Dreihahnensaal. In der Schule stehen Abschlussprüfungen bevor! Also Figaro wohin? Links, rechts, oben, unten, hinten, vorne? Keine Angst! Alles kam ins Lot und fast alles konnte man bewältigen. Unsere Stadt! Unser Troppau, was hast du uns alles geboten, wie sehr danken wir dir dafür und bewahren dich für immer liebevoll im Herzen!

Es fallen dicke weiße Flocken vom Himmel. Dächer und Türme, Erker und unsere schönen, alten Straßenlaternen haben die hohen, weißen Schneemützen auf. Der Maronimann am Oberring schlägt die Arme übereinander. Es ist kalt geworden Troppau ein Wintermärchen. Und wieder findet ein Szenenwechsel statt. Der Bummel ist nun längs des Eislaufplatzes. Dort spielt nun die Musik! Und dort läuft jeder, der auf sich hält, ob er kann oder nicht, zur Zeit eben Schlittschuh. Wir hatten unseren neuen Treffpunkt. Man brauchte sich erst gar nicht zu verabreden, man war eh da! Ganz hinten, im letzten Drittel, durch ein dickes Seil getrennt, drehten die „Begabten“ ihre Achter und Schlingenparagraphen, übten endlos ihre komplizierten Axel und Rittberger, Kadettensprünge und Innenmond und Außenmond und vieles mehr.

Ich drehte mich mit in diesem Kreise. Allerdings als recht kleines Licht. Aber immerhin, die Grundbegriffe saßen, und für eine Anmeldung zum Jugendschaulaufen reichte es schon. Außer einem Trostpreis habe ich natürlich nie etwas gewonnen, war aber ungeheuer stolz, beim T.E.V. zu sein! Es war schon damals so. Dabei sein ist alles! Mit großer Bewunderung verfolgte ich unsere Besten! Herta Passinger war zu der Zeit ganz groß. Ebenso Fritzi Metzner, Liesl Hohlbaum. Das Paar Friedl/Eisenbeiß und die Herren Lolo Losert und Dolfi Totzer. Wovon letzterer mein Onkel war. Einen Trainer von der Engelmannschule aus Wien hatten wir auch öfter bei uns.

Und einmal während der Eiszeit war Maskenfest. In einem Maskenverleih in der Lastenstraße konnte man nach Herzenslust in bunten Kostümen wühlen, um sich etwas Passendes auszusuchen. Welch schönes Bild, wenn das bunte, närrische Volk seine Bogen fuhr und sich vergnügte! Oftmals hatte “Rotkappel“ alle Hände voll zu tun, die Übermütigen zu bremsen. Spannend war ja immer der Nachhauseweg. Wer begleitet mich heute heim? Trotz sehr netter und erwünschter Begleiter hatte ich in dieser Beziehung Pech. Die Begleitung dauerte höchstens 5 Minuten. Ich wohnte ja gleich beim Eislaufplatz!

Bis heute bekomme ich, um die Weihnachtszeit herum, wenn ich in einer stillen Stunde an zu Hause denke, Heimweh. Alles sehe ich noch so deutlich vor mir, dass ich es malen könnte wenn ich malen könnte! Der Striezelteig wurde in einer riesigen Blech oder Zinkwanne stundenlang gerührt und geschlagen. Anschließend, wenn er Blasen bildete, auf den Schlitten verfrachtet, mit dem Namen versehen und zum Bäcker Gogola in die Sperrgasse gefahren. Den nächsten Tag kam der Bäckerjunge mit einem langen Brett, welches er auf der Schulter balancierte, und brachte 14 goldgelb bräunlich gebackene Striezel. Ich werde den Duft, der durch das ganze Haus zog, nie vergessen und viele, viele andere schöne Eindrücke auch nicht. Sie alle waren so unendlich wichtig für mich sie formten mich und begleiteten mich mein ganzes Leben.

Land der Erinnerungen! Ein Land, aus dem man nicht vertrieben werden kann! Ein kostbares Gut, das uns niemand nehmen kann. Wie tröstlich! Der Kreis schließt sich. Bald werden wieder Hunderte von schön geformten fächerartigen Blättern meinen alten Freund, den Ginkgo Baum, schmücken. Er wird mich überleben wie er schon Tausende überlebt hat! Adieu mein Freund, ich werde dich nie wiedersehen, jedoch in meinen Gedanken bleibst du mir eng verbunden!

Die Zeit bleibt nicht stehen. Das Rad des Lebens, das Rad der Geschichte dreht sich weiter. Unsere Generation ist dem Rad der Geschichte das ab jetzt Krieg bedeutet zwischen die Speichen geraten. Es hat uns gehörig gebeutelt und durcheinander gebracht. Wohl dem, der überlebt hat, und ehrendes Gedenken dem, der auf der Strecke blieb.

Wie sagt Rilke in seinem “Cornet“ so schön? ,,Es ist ihm das Kindsein von den Schultern gefallen.” Mir auch. Ganz plötzlich und sehr schnell zu schnell. Eines Tages befand ich mich in einer endlos langen Flüchtlingskolonne 30 km vor Karlsbad in Richtung Westen marschierend, mit leichtem Gepäck. Nämlich mit gar nichts. Ich besaß mein Leben und das, was ich am Leibe trug, und es wurde ein langer, schwerer, dunkler Weg, den zu beschreiben zu weit führen würde. Es würde eine endlose Geschichte. Durch diese Finsternis konnte ich nur deshalb hindurch, weil ich soviel Licht und Wärme und Liebe und Harmonie und ungeheuer viel Schönes in mir gespeichert hatte. Eben den Frühling meines Lebens. Sei mir gegrüßt mein altes Troppau!

1 Kommentar »

  1. Prof.Dr. Herbert Indruch wrote,

    Meine Mutter Fritzi Indruch, geb. Metzner, lebte ihre Eislaufleidenschaft auch als junge Ehefrau ab 1939 in Ravensburg fort. Als Olympionikin von 1936 besuchte sie ebenda die Olympiade 1956(?) in Germisch-Partenkirchen. Meine Schwester Heidi und Partner Walter(?) Prinz trainierte sie im Eistanz bis zur B.-W-Meisterschaft. Noch erfolgreicher war sie als Trainerin mit dem Ravensburger Geschwisterpaar Buck/Buck das 1958(?) Europameister wurde. 1959 zog unsere Familie nach Frankfurt a. M. um und erst dann begnügte sie sich mit der Zuschauerrolle.

    Kommentar on Donnerstag, 11.06.2009 @ 3:04 pm

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