Teka von Troppau

Eine alte Dame in Wien

20 Dez 2005

Sie war wieder einmal eingeladen und fuhr mit dem Zug heut nach Wien.
Sie war schon recht oft dort – sozusagen – und fuhr immer gern wieder hin.
Spazieren ging sie durch die Straßen, die lieb und vertraut ihr waren.
Hier gingen schon Eltern und Großeltern – damals, wenn sie hierher gefahren.
Die Schule besuchte ihre Mutter in Wien – auf Bällen hat sie sich gesonnt.
Gepflegt hat sie dann die Soldaten im Krieg – an der Isonzofront.

Ihr Weg führt zuerst in den Stephansdom, die Kerzen stehn schon bereit.
Die Familie entzündet sie immer schon – seit langer, langer Zeit.
Die Dienstboten-Madonna ist nun ihr Ziel, sie bewundert sie Jahr für Jahr.

Ihr inniges Lächeln bedeutet ihr viel – doch heut steht sie nicht mehr da?
Sie geht suchend nach vorn durchs Kirchenschiff um jede Säule herum.
Dann, vorn rechts beim Ausgang da finden sie sich – nun lächeln beide stumm.
Sie kniet vor ihr nieder und ist ganz entzückt, erzählt ihr im Stillen ganz leis
von allem, was sie im Herzen bedrückt, von dem die Madonna nur weiß.
Sie bestaunt den Faltenwurf an dem Gewand, so vollendet lieblich geschwungen.
Ein wahres Kunstwerk aus Meisterhand, bewundernswert gut gelungen.
Ihr Blick wandert wiederum zu dem Gesicht, das Lächeln ist wieder vorhanden.
Im Gehen dreht sie sich noch einmal um – ihre Madonna hat sie verstanden! ...
Draußen, im gleißenden Sonnenlicht – umgeben von hastender Menge
findet sie langsam ihr Gleichgewicht – im Allerweltengedränge.

Dann braucht etwas Ruhe die alte Dame und verordnet sich eine Pause,
denn Nachmittag trifft man sich eh zum Kaffee mit guten Freunden zur Jause.
Darauf freut sich schon jeder, man wird dann berichten, was inzwischen alles geschah.
Von Söhnen und Töchtern, von Enkeln und Nichten, die wohnen hier alle so nah.
Die Melange ist belebend, die Torte vorzüglich, man zeigt Fotos, sogar vom Herrn Vater.
Doch nun muss man gehen – Garderobe zu wechseln, denn man hat am Abend Theater.
Ein Stück, das man unbedingt sehen muss – mit einer grandiosen Besetzung.
Arm wäre man ohne den Hochgenuss – fast eine kulturelle Verletzung
Die Stunden vergehen hier viel zu schnell, man hat noch viel zu erwarten.
Für morgen im Schloss Grafenegg ein Konzert – auch dafür hat man schon Karten.

Ein Blick in den Spiegel, oh welch ein Malheur – denn darin ist sie eigen – man muss dringend zum Friseur, so kann man sich nicht zeigen,
zumal es da eine Begegnung gibt – durch Zufall – es hat sie gewundert,
dass man sich um elf vor der Pestsäule trifft – nach einem halben Jahrhundert!

Sie tanzte mit ihm vor ewigen Zeiten – im Palais der Familie sehr brav,
gesittet, mit allen Zuvorkommenheiten – hier steht der gealterte Graf.
Hätten sie nicht voneinander gewusst, sie hätten sich nicht mehr erkannt.
Gekonnt übersieht man die Zeichen der Zeit – er lädt ins Kaffeehaus galant.
Man überbringt Grüße von alten Freunden, erzählt viel von einst, von zuhaus
in Österreich – Schlesien war ihre Heimat – heute ist alles beschlagnahmt – aus.
Erstaunlich, was in Gesprächen sich findet, es ist einer Schatzgrube gleich,
was Menschen noch immer gemeinsam verbindet, das macht fast glücklich und reich!
Sehr schnell verging die versprochene Zeit – man verabredete beim Gehen
ein nächstes Treffen im erweiterten Kreis – beim Heurigenwiedersehn!
Der alten Schule Kavalier verabschiedet sich charmant.
Verneigung und Empfehlung bitte,
Servus – Küss die Hand.

Die alte Dame geht spazieren – sie schmunzelt vor sich hin …
Ein Zauber liegt auf dieser Stadt – Ich liebe Dich, mein Wien …

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