Teka von Troppau

Das Bettelarmband Teil 1

6 Jun 2005

- eine kleine Familiengeschichte

Teil 1

Meine geliebte Enkelin Victoria Alexandra

Diese Geschichte schreibe ich für Dich auf, weil fast jedes Schmuckstück unserer Familie eine kleine Geschichte erzählen könnte. Dieses Bettelarmband, das Du heuer zu Weihnachten 2001 geschenkt bekamst, hat allerdings eine ganz besondere Geschichte. Ich will sie Dir nun erzählen. –
Deine Ur-Urgroßmutter Emma Chrestzencia Philipp wurde 1871 in Brieg bei Breslau in Schlesien (jetzt Polen) geboren und hatte 2 Geschwister. Einen Bruder Ernst Philipp, der in Neiße, Königstraße Nr. 10 lebte und eine Schwester Emilie, die in Wien in einem Mädchenpensionat untergebracht war.
Als eines Tages die Pensionatsschülerinnen ein Museum besuchten, besichtigte zur gleichen Zeit ein recht schmucker englischer Marineoffizier die Kunstschätze – und die jungen Damen. Seine besondere Aufmerksamkeit galt Deiner schönen Ur-Urgroßtante Emilie.
Wie die beiden, trotz der strengen Aufsicht, sich dennoch verständigten, bleibt ein Rätsel. Jedenfalls war Tante Emilie eines Tages aus dem Pensionat verschwunden und mit ihrem Offizier nach London entflohen. Damit endete ihr Aufenthalt im alten K.u.K.Österreich. Du kannst Dir vorstellen, dass diese Tatsache eine aufregende Zeit in der Familie und Verwandtschaft zur Folge hatte.-
Nach einigen Wochen meldete sie sich jedoch sehr vergnügt und überglücklich als Mrs. Emilie Husband aus London.- Was war geschehen? – Sie heiratete ihren Marineoffizier, der Schiffsarzt und nun ihr Ehemann war und auch so hieß: Husband. – Als sich alle Gemüter beruhigt hatten, wurde allgemein festgestellt, dass sie eigentlich eine gute Partie gemacht hat, zumal ihr Gatte ein recht wohlhabender Mann war, mit einer Villa in London und Plantagen auf Jamaica. Außerdem rätselte man in der Familie, von wem sie wohl diese abenteuerliche Veranlagung geerbt haben könnte. Es blieb ein ungelöstes – Rätsel soweit mir bekannt ist.
So lebte nun Deine Ur-Urgroßtante zwar kinderlos aber glücklich und zufrieden und zeitweise eben auch auf Jamaica. Von dort brachte sie eines Tages ein schwarzes Diener-Ehepaar mit nach London in ihr Haus. Diese Leute wurden eine Diebstahls bezichtigt, den sie nicht begangen hatten. Tante Emilie wusste das genau und rettete sie vor der Auspeitschung, die die beiden erwartet hätte, indem sie – kurzentschlossen, wie sie nun mal war, das Paar mit sich nahm. Dass diese armen Menschen ihr unendlich dankbar waren, bedarf keiner besonderen Betonung. Platz war genug in der großen Villa und so kümmerten sich diese beiden rührend um Haus und Garten und besonders liebevoll und aufmerksam um ihre Herrin. – Die glückliche Zeit ihrer Ehe dauerte nicht lange, denn nach ungefähr 12 Jahren starb ihr Mann.
Danach besuchte sie oftmals ihre Schwester Emma, die inzwischen auch verheiratet war und nun Hauke hieß, in Troppau lebte und meine Großmutter (Deine Ur-Urgroßmutter) war. Beide Schwestern waren einander sehr zugetan und entwarfen große Pläne.
So wollte Tante Emilie wieder nach Hause zurück und zwar zu uns nach Troppau. Das alte Österreich gab es seit 1918 nicht mehr und so waren wir Tschechoslowakei geworden. – Sie verhandelte mit Maklern und suchte nach einem eigenen Haus. Bei solchen Besuchen brachte sie bereits wertvollen Schmuck mit, der bei uns deponiert war.
Ich war damals ungefähr 4 Jahre alt und raste mit meinem Puppenwagen durch die Räume. Das machte Tante Emilie ungeheuer nervös und sie schenkte mir, um etwas Ruhe zu haben, dieses Bettelarmband, das Du nun hast. – So kam es erstmals in meinen Besitz.
Zu erwähnen wäre noch, dass Tante Emilie nach dem Tode ihres Mannes für ihre persönlichen Belange eine Hausdame, gleich Zofe, einstellte.
Ebenso war ein Notar vorhanden, der jahrelang die Angelegenheiten des Hauses in beratender Funktion regelte. So auch die jetzigen Verkäufe bezüglich der Auflösung des Londoner Wohnsitzes.
Wir schreiben das Jahr 1924 oder 1925 als Tante Emilie ihren letzten Besuch bei uns in Troppau machte, hier alles geregelt hatte und mit dem Umzug von London nach Troppau beginnen wollte. – Wir haben sie nie wieder gesehen. – Es hieß in der Mitteilung des Notars und der Hausdame, sie sei die Treppe hinuntergestürzt und dabei zu Tode gekommen.
Nachforschungen ergaben, dass die beiden bereits längere Zeit liiert waren. Der Bruder meines Großvaters Johann Hauke hieß Richard Hauke und war Richter am Amtsgericht Troppau.
Es war also nahe liegend, dass ein großes Interesse bestand und ebenso umfangreiche Bemühungen in Gang gesetzt wurden, um etwas Licht in das Dunkel zu bringen. Aber leider ohne Erfolg. England gab weder Besitz noch Informationen heraus. So waren alle Bemühungen von Onkel Richard umsonst. Was blieb, war ihr kostbarer Schmuck und ihre Briefe, bei meiner Großmutter gut aufgehoben – und mein Bettelarmband.

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