Das Bettelarmband Teil 2
- eine kleine Familiengeschichte
Teil 2
Ich liebte dieses Armband und trug es, als ich größer war und begriff, was geschehen war, besonders gern und immerzu. – Es besteht aus neun 5 Cent Münzen von 1827 und ….....
Es hatte bereits sein ehrwürdiges Alter und eben den 1. Weltkrieg hinter sich.
Der 2. Weltkrieg stand noch bevor. Und das kam so.
Als 1945 die Russen nur noch wenige Kilometer vor Troppau standen, mussten wir fliehen. Man packte in kürzester Zeit das Nötigste zusammen und war bemüht, so schnell wie möglich aus der Stadt zu kommen, die bereits bombardiert wurde. So packte auch meine Großmutter den Schmuck von Tante Emilie in einen Stoffbeutel in ihre Tasche mit sämtlichen Dokumenten. Unterwegs wurden sie von Soldaten der Wehrmacht in einen LKW zwischen Waffen und Lebensmitteln mitgenommen in Richtung Westen. Sie fühlten sich fast geborgen und gerettet. Als plötzlich aus heiterem Himmel der Konvoi von russischen Tieffliegern beschossen wurde, sprangen alle Menschen aus den LKWs und rannten um ihr Leben. Alles blieb im LKW zurück , der davon raste und nie mehr gesehen war. Ebenso das spärliche Hab und Gut und natürlich auch die Tasche mit dem Schmuck. – Man hätte den Beutel am Körper befestigen müssen! Nachher ist man immer schlauer und glaubt, alles besser wissen zu müssen. Aber in so einer Situation? Wer wagt da eine Rüge auszusprechen?
Anders erging es dem Bettelarmband. Als ich mich auf der Flucht von meiner Freundin Ursula trennte, tauschten wir Schmuck aus. Sie gab mir eine wertvolle Amethyst-Brosche und ich ihr mein Bettelarmband. Sollten wir uns in diesem Leben noch einmal wieder sehen, wird der Schmuck wieder getauscht. – So war es beschlossen.
Ich geriet 30 km vor Karlsbad in eine äußerst gefährliche Situation. Mit meiner Freundin Alexandra gingen wir in einer endlosen Flüchtlingskolonne auf der Landstraße Richtung Westen, als uns russische Panzer entgegenkamen. Sie blockierten den Flüchtlingsstrom und die Soldaten stürzten auf die Menschen zu und raubten alle aus. Plünderten Taschen und Kleidung und nahmen alles mit, was ihnen gefiel… So war ich meine Uhr, den Ehering und auch die Brosche losgeworden und stand da ohne alles -nur die Kleidung, die ich am Leibe trug, blieb mir freundlicher Weise. Als der Raubzug beendet war, durften die Menschen wieder weiter gehen – leider nicht mehr alle, einige wurden erschossen. Lexi und ich fanden wieder zusammen und wanderten weiter bis Jena.
In Jena, stand die Villa des Onkels von Alexandra. – Wir hatten Glück, denn ihre Tante war mit ihren 3 Kindern noch anwesend und nahm uns sofort auf.
Von dort aus versuchte ich meine Familie und Freunde wieder zu finden. – Infolge dieser Suchaktion fand ich auch durch das Rote Kreuz Ursula 1946 in Hof in Bayern (von den Amerikanern besetzt). Auf sehr abenteuerlichen Wegen gelangte ich vom russischen Thüringen nach Hof, traf dort Ursula, die mir tatsächlich mein Bettelarmband in die Hand legte…
Sie hatte es in ihrer Frisur, beiderseits zum Mittelscheitel hochgesteckt – mit Kämmchen festgehalten, geschickt versteckt und gerettet. – Wer sich jedoch mit ihrer Brosche schmückt, kann nicht mehr festgestellt werden. –
Kannst Du Dir vorstellen, wie sehr ich mich über meinen nun einzigen Besitz – mein Bettelarmband -freute? Es war für mich ein Stück Familie, ein Stück Heimat, ein Stück meines Lebensweges.
Dieses kleine Armband – das damals unscheinbarste und wertloseste Stück aus den kostbaren Pretiosen der Tante Emilie. Wenn ich an meine Jugendzeit zurückdenke, sehe ich Deine Ur-Urgroßmutter noch heute deutlich vor mir, wie sie oftmals eine wunderschöne, zartgrüne Kassette, auf der Maiglöckchen abgebildet waren, öffnete. Innen war sie mit der gleichfarbigen Seide ausgeschlagen und darin befand sich der besagte Schmuck von Tante Emilie. Großmutter verwahrte ihn stets wie ein Heiligtum. Wenn sie ihn dann ganz behutsam durch ihre Finger gleiten ließ, erzählte sie Geschichten aus ihrer Kindheit mit ihrer Schwester Emilie. Ein massives goldenes Kreuz mit einer großen schwarzen Perle in der Mitte an einer langen Halskette ist mir neben Ringen, Perlenketten, Goldarmbändern und dergleichen eindrucksvoll in Erinnerung. Das behielt Großmutter stets besonders lange in ihren Händen. Sicherlich sprach sie ein stilles Gebet für Tante Emilie. Leider hat Großmutter die Vertreibung aus unserer Heimat nicht überlebt. Sie starb auf einem der Transporte nach Berlin und ist dort in Berlin-Wittenau beerdigt worden.
Das beschriebene Bettelarmband jedoch hat vieles und viele überlebt und ich schenkte es meiner Tochter, Deiner Tante Gabriele und sie gab es zu Weihnachten 2001 an Dich, meine geliebte Enkelin Victoria Alexandra weiter – auf dass es nun in unserer Familie seinen Platz finde. Erfreue Dich daran, gehe etwas respektvoll und schonend damit um, denn es hat einen weiten Weg hinter sich. Es möge Dir Glück bringen!
Ich liebe Dich.
Deine Großmutter
16.01.2002
Statistiken
Meine Mutter Fritzi Indruch, geb. Metzner, lebte ihre Eislaufleidenschaft auch als junge Ehefrau ab 1939 in Ravensburg fort. Als Olympionikin von 1936 besuchte sie ebenda die Olympiade 1956(?) in Germisch-Partenkirchen. Meine Schwester Heidi und Partner Walter(?) Prinz trainierte sie im Eistanz bis zur B.-W-Meisterschaft. Noch erfolgreicher war sie als Trainerin mit dem Ravensburger Geschwisterpaar Buck/Buck das 1958(?) Europameister wurde. 1959 zog unsere Familie nach Frankfurt a. M. um und erst dann begnügte sie sich mit der Zuschauerrolle.
Kommentar on Donnerstag, 11.06.2009 @ 2:53 pm