Die Bühne des Lebens
Die Bühne des Lebens
Man betritt sie im Augenblick der Geburt und ist schon in eine Hauptrolle gezwängt. Die Claqueure sind begeistert und der Applaus will gar nicht enden. Vorhang für Vorhang hebt sich immer wieder, nur um einen Blick auf das neue Mitglied der Theatertruppe zu werfen.
Das Ensemble ist nun um eine neue Figur erweitert worden. Ein neues Gesicht, eine neue Verkörperung.
Diese wird nun auf alle bekannten Bühnen mitgeschleppt, vorgezeigt und vorgeführt. Und siehe da, die erste Rolle ist dem Neuling wie auf den Leib geschrieben. Er spielt sie gut, begreift sich sofort als Mittelpunkt und Hauptfigur und beginnt in seiner Selbstherrlichkeit, alle anderen zu dominieren und sie sich zu Diensten zu machen. Und das gelingt vorzüglich! Das geht auch eine ganze Weile gut, bis der Übermut den ersten Absturz veranlasst.
Während er noch seine blauen Flecke beweint, wird ihm die Rolle des gehorsamen, fleißigen und disziplinierten Akteurs beigebracht. Dieser Text ist schwer zu erlernen und der Neuling vergisst öfter den Einsatz, verpasst das Stichwort oder schwänzt die Proben!
Aber auch die härteste Ausbildung ist einmal beendet. – Auf der Bühne folgt die neue Rolle der romantischen Verquickungen zwischen Liebe und Leid, Freude und Enttäuschung, Erfolg und Niederlage. – Auf der Bühne des Lebens wird niemandem etwas geschenkt. – Jeder hat seine Rolle zu spielen, die ihm von Beginn an zugedacht ist. Und er spielt sie auch, weil es sich einfach so ergibt. –
So, und nicht anders begegnet man dann den Menschen, die eine entscheidende Rolle im eigenen Leben spielen. Man steht mit dem Partner auf den Brettern dieser Bühne als Liebespaar, Ehepaar, Elternpaar und versucht, seine Rolle so gewissenhaft wie möglich darzustellen.
Wenn das Haupthaar ergraut ist und die Gesichtszüge eine lange Spielzeit widerspiegeln, hat man das gesamte Repertoire hinter sich gebracht: Romanzen, Komödien, Tragödien, Trauerstücke, auch lange Ein-Personen-Aufführungen mit schweren, inhaltsreichen Texten. –
Wenn dann der letzte Vorhang fällt, hat man ein weites Feld durchschritten, gelebt, geliebt und auch gelitten.
Trübe Gedanken sind vergebens – es war die Bühne deines Lebens.
Du bist gekommen – und wirst gehen – und so gesehen,
ist es doch schön, auf dieser runden Welt zu leben –
und seinem Leben Inhalt geben!
Im August 2003
Statistiken