Tischgespräche
Tischgespräche
Ich bin ein ganz fester Bestandteil in der Familie. Ohne mich ist ein Tagesablauf undenkbar. Ich bin also ganz wichtig, werde geliebt und bewundert und außerdem bin ich auch noch schön – nämlich aus edlem Holz mit gedrechselten Beinen und bin stets gepflegt eingekleidet. Zu Festlichkeiten sogar in Damast und Silber! – Ich befinde mich in guter Gesellschaft, eingerahmt von zwei grünen Sofas mit einmal drei und einmal vier Sitzen sowie gestickten Gobelinsesseln. Seit fast einem halben Jahrhundert habe ich meinen Standpunkt nicht verändert und bin sehr gerne im Dienste meiner Familie. Wir hatten bisher eine schöne gemeinsame Zeit mit viel Abwechslung. Da es ein äußerst gastfreundliches Haus ist, in dem ich hier stehe, besuchen uns viele Freunde und Gäste und oftmals auch interessante bekannte Persönlichkeiten. Deshalb könnte ich tagelang rund um die Uhr erzählen, aber es soll ja keine endlose Geschichte werden.
Erst mal war eine lange, schwere Zeit durchzustehen und ich vernahm viele kummervolle Gespräche.
Als der Herr des Hauses früh verstarb, musste die Frau des Hauses die Verantwortung für alle und alles übernehmen. Ich werde sie nun Herrin nennen, so lernt auch Ihr sie besser kennen.
Sie hatte ihren Stammplatz im Ohrensessel an meiner Längsseite und ich war oft die feste Stütze ihrer Arme, wenn sie den Kopf in ihre Hände legte um nachzudenken, was als Nächstes und Wichtigstes zu tun sei. Aus Ratlosigkeit und Verzweiflung fand sie mit aller Kraft und Haltung immer wieder den Weg nach vom, den Weg zum Licht für sich und ihre Kinder, die stets das Wichtigste in ihrem Leben waren.
So erlebte ich als Nächstes eine recht besinnliche und verhaltene Konfirmationsfeier der Tochter im kleinsten Familienkreis mit recht ernsten Gesprächen.
Im Sommer danach waren die Türen weit geöffnet für den großen Freundeskreis der Kinder sowie allen Altvertrauten. Da hatte ich stets viel zu ertragen. Große Kuchenplatten, viele Kaffeekannen, oftmals bis zu 12 Teller und Tassen mit Leuchter, Blumen und Vasen. Oftmals vernebelte das Stimmengewirr mein Fassungsvermögen, jedoch verspürte ich nach geraumer Zeit wesentliche Erleichterung, denn leere Teller und Kannen sind nicht mehr schwer.
Über schlechte oder fehlende Tischmanieren konnte ich mich nicht beklagen – dafür sorgte meine Herrin.
Es ging natürlich nicht immer so hoch her, obwohl man hier sehr gern und oft und gut zu feiern verstand, und das recht liebevoll und niemals kleinlich. – Nein, es gab auch kleinere Kreise. Da war meine Belastung sehr angenehm und leicht – mit kleinen Gedecken, edlen Kristallgläsern und gutem Weine. Da bekam ich ein kleines Blumengesteck wie ein Krönchen in die Mitte gestellt und die Servietten wurden so lange gefaltet, bis es meiner Herrin gefiel.
Bei solchen Gelegenheiten wurden oft lebenswichtige Gespräche geführt. Oftmals mit den beiden Kindem über ihre Zukunft, ihre Freunde, ihre Probleme, die ja bei Heranwachsenden nicht immer leicht zu bewältigen sind. Oder es fanden Freunde aus vergangenen Zeiten Platz an meinen Seiten, dann waren es lange Sitzungen oft bis früh in die Morgenstunden. – Ich kann nur staunen, was Menschen alles erleben und erdulden und erwirken.
Gerne und immer wieder kommen sie zu uns, um ihr Herz auszuschütten, sich wohlzufühlen, sich Rat zu holen und sich ein wenig verwöhnen zu lassen, denn es ist hier das ungeschriebene Gesetz, dass alles vertraulich Vermittelte auch in unseren vier Wänden bewahrt bleibt.
Zu meinen Füßen liegen oft wohlig zusammengerollt auch die mitgebrachten Hunde, die uns überhaupt nicht stören, da wir ja selbst immer Hunde im Haus hatten. Sie fühlen sich unter meiner Platte recht wohl, wie früher die beiden Kinder, die bei Blitz und Donner Schutz unter meinem Dach suchten. – Heute krabbeln deren Kinder schon wieder unter mir herum und halten sich am Tischtuch fest. In solchen Momenten reißt es die Familie blitzartig von sämtlichen Sitzen, um eine Katastrophe zu vermeiden.
Oder wenn einer im Eifer des Gespräches zu temperamentvoll gestikuliert und dabei die gefüllte Tasse oder das Glas ins Rollen bringt. Dann beweist die versammelte Runde eine erstaunliche Beweglichkeit. Sprunghaft stehen alle um mich herum auf, um mich so schnell wie möglich von dem unangenehmen Nass zu befreien und sind rühren besorgt, dass mir nur kein Leid geschehe!!
Ich sagte ja schon – es ist wirklich eine nette Familie und ich bin auch wirklich gerne, immer wieder gerne der stumme Diener meiner Herrin, wenn irgend möglich bitte bis an ihr Lebensende, denn wir fühlen uns sehr verbunden.
Wie nett von Ihnen, dass Sie sich die Zeit genommen haben, einem hölzernen Zeitgenossen zuzuhören.
Dafür dankt Ihnen
ein Tisch im Hause T. K.
26.November 2001
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